Woran liegt es, dass die Schweiz Verwerfungen leichter wegzustecken scheint als andere Länder? Es liege an ihren Institutionen. Diese machten das Land «antifragil», legt ein Autorenteam von Avenir Suisse dar.
Der im Jahr 2000 von international tätigen Schweizer Unternehmen gegründete Think Tank Avenir Suisse präsentiert zu seinem 25. Geburtstag eine Analyse schweizerischer Institutionen unter dem Gesichtspunkt des Umgangs mit Herausforderungen und Krisen. Im Zentrum steht dabei die Frage: «Ist die Schweiz antifragil?»
Was ist mit «Antifragilität» gemeint? Geprägt hat den Begriff der Erfolgsautor Nassim Nicholas Taleb («Der Schwarze Schwan»). Antifragil ist zunächst das Gegenteil von fragil, zerbrechlich. Aber nicht einfach im Sinne von stabil oder resilient. Antifragil ist mehr als solid oder robust, auch nicht bloss anpassungsfähig. Vielmehr lernfähig und wandelbar in Krisen und dank Krisen. Während ein fragiles System unter Druck zerbricht, bleibt ein robustes vielleicht stabil. Ein antifragiles hingegen wächst an den Herausforderungen. Beispielhaft ist das Immunsystem. Taleb billigt der Schweiz zu, «der antifragilste Ort der Welt» zu sein.
Ist dem wirklich so? Und wenn ja: warum? Die 12 Autorinnen und Autoren des anregenden Büchleins führen sieben Prinzipien an, welche antifragile Systeme kennzeichnen. Darunter Volatilität (um Katastrophen zu vermeiden, werden Schwankungen toleriert), trial and error (durch Experimentieren lernen), Dezentralisierung (auf autonome Einheiten setzen), Optionalität (Flexibilität bewahren, Handlungsoptionen offenhalten).
Anhand dieser Kategorien wird das Konzept der Antifragilität durchdekliniert in 17 Kapiteln zu Stichworten wie Föderalismus, direkte Demokratie, Milizsystem, Schuldenbremse, Arbeitsmarkt, Altersvorsorge, Service public, aber auch Migration, Neutralität, Europapolitik, Versorgungssicherheit. Worin besteht da jeweils Antifragilität und wie weit reicht sie? Was hat sich in den vergangenen 25 Jahren verändert? Was ist zu tun, damit Antifragilität erhalten bleibt bzw. gestärkt wird?
Den so gescreenten Schweizer Institutionen (im weitesten Sinn) wird alles in allem ein gutes Zeugnis ausgestellt. Freilich mit Nuancen. Während in innenpolitischen Belangen die Antifragilität überwiegend als hoch beurteilt wird, klingen die Urteile bei aussenpolitisch relevanten Themen verhaltener, die Darstellung wirkt hier bisweilen evasiv, und Empfehlungen ergehen sich in Gemeinplätzen. Gänzlich abwesend ist der Bereich Sicherheit.
Offensichtlich zutreffend ist die Diagnose, dass die Internationalisierung von Wirtschaft und Recht immer häufiger zu Kollisionen zwischen dem Inhalt von Volksinitiativen und völkerrechtlichen Regelungen führt. Schwach wirken demgegenüber die Vorschläge zur Abhilfe: Erhöhung der Unterschriftenzahlen, Ausbau der Volksrechte um eine Gesetzesinitiative, strengere Vorprüfung von Initiativen durch die Bundeskanzlei, Unterstellung der Ausführungsgesetzgebung unter das Referendum. So begrüssenswert die Ideen sind: Zusätzliche Vetomöglichkeiten sind wohl kaum ein geeignetes Mittel, um die von den Autoren gepriesene Optionalität – sprich: aussenpolitischer Handlungsspielraum! – zu erhalten oder auszubauen.
Einleuchtender sind die Ausführungen zum Thema Neutralität. Die Autoren verweisen zu Recht auf das Dilemma, dass die Schweiz einerseits dem Völkerrecht und den Werten der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet ist, andererseits als kleiner Akteur, aber grosser Exporteur vor der Herausforderung steht, Versorgung und Prosperität sicherzustellen. Ebenso hätte man das noch akutere Dilemma zwischen Neutralität und Zugehörigkeit zum (zunehmend bedrängten) Kreis liberaler Rechtssaaten thematisieren können. Begrüssenswert ist der Hinweis, dass Neutralität kontextbedingt stetem Wandel unterworfen ist. Und erst recht das Rezept für die Zukunft: Pragmatismus statt Dogmatismus!
Von besonderer Relevanz ist im aktuellen europapolitischen Kontext das Kapitel zur Migration. «Um ihre wirtschaftliche Optionalität bestmöglich zu nutzen», heisst es, «war und ist die Schweiz auf Zuwanderung angewiesen.» Und: «Die Erfolgsgeschichte der Schweiz ist untrennbar mit visionären Einwanderern verbunden.» Warnend wird einerseits auf den zunehmenden internationalen Wettbewerb um Talente, andererseits auf das Risiko zuwanderungsfeindlicher Urnenentscheiden verwiesen. «Abschottung ist keine Option», unterstreichen die Autoren. Ausgeblendet bleibt leider die Bedeutung der internationalen Mobilität von Schweizerinnen und Schweizern. Annähernd eine Million unserer Landsleute leben vorübergehend oder dauernd im Ausland. Sie tragen wesentlich zu Präsenz und Vernetzung bei, Rückkehrer bringen internationale Erfahrung ins Land. Sie bilden einen oft übersehenen Faktor der Antifragilität, der durch Restriktionen im Migrationsregime in Gefahr gerät.
Auf gewohnten Pfaden wandeln die Autoren im Kapitel über Europa. Zwar räumen sie ein: «Ausländische Beobachter dürften die EU-Debatten in der Schweiz als Selbstblockade empfinden. Während andere Staaten klare Entscheidungen gefällt haben, diskutiert die Schweiz seit Jahrzehnten über ihren Platz in Europa. Dieses Hin und Her bindet Ressourcen und beherrscht die politische Debatte.» Bis zum kritischen Hinterfragen des angeblichen «Königswegs» gedeiht die Einsicht jedoch nicht. Reichlich salopp wird der immer lauter zu hörende Vorwurf der «Rosinenpickerei» erledigt: das sei ja von beiden Seiten so gewollt. Die (trotz Relativierungen) positive Bilanz des «Bilateralismus» unterschlägt vieles: den Souveränitätsverlust durch fehlende Mitbestimmung, die Absenz vom permanenten Brüsseler Informationsfluss, das Gezerre um Nachvollzug und die daraus resultierenden innenpolitischen Polarisierungen und Blockierungen, die stets lauernde Gefahr, dass das bilaterale Kartenhaus aufgrund eines Urnenentscheids kollabiert. Das Fazit wirkt da irritierend harmlos: «Als kleine, offene Volkswirtschaft empfiehlt sich eine Aussen- und Europapolitik, die dem antifragilen Prinzip der Optionalität folgt».» Antifragilität sieht anders aus! Mut zum Aufbruch erst recht!
Doch auch wenn es sich der Gravitationskraft des gängigen helvetischen Europadiskurses nicht entzieht, bietet das Büchlein eine überaus lohnende Lektüre: ebenso unterhaltsam wie instruktiv, anregend und erfrischend, dazu ansprechend gestaltet. Kein Kompendium, kein Rezeptbuch, keine Bibel zuhanden von Rechthabern, aber eine nützliche Sammlung von Analysen, Denkanstössen und bedenkenswerten Reformideen.
Jürg Müller, Christoph Eisenring, Patrick Leisibach (Hrsg.), Antifragile Schweiz, 17 Strategien für eine Welt der Unordnung, Versus-Verlag, Zürich 2025. 221 Seiten 29.90 CHF (erhältlich auch in französischer Fassung beim selben Verlag).
Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute stehen die sogenannten «Killerroboter» im Fokus. Wer trägt die Verantwortung, wenn Maschinen selbst ihre Ziele auswählen? Nr. 512 | 20.10.2026
Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.
Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).