Kolumne

Keine Sicherheit ohne Ernährungssicherheit

Der Hunger nimmt wieder zu. Laut dem soeben veröffentlichten Welthunger-Index 2026 leiden weltweit rund 645 Millionen Menschen an Hunger beziehungsweise an Unterernährung. Das entspricht ungefähr jedem zwölften Menschen weltweit. Frauen und Mädchen sind besonders stark betroffen.

Im Vergleich zum Jahr 2000 bleibt die langfristige Verbesserung im Kampf gegen Hunger sichtbar, doch seit 2018 hat sich die Lage verschlechtert. In 44 Ländern ist die Lage ernst oder sehr ernst, darunter Madagaskar, Haiti und Niger – Länder, in denen auch Schweizer Entwicklungsorganisationen tätig sind. Wie konkrete Unterstützung aussehen kann, zeigt Haiti: Dort unterstützt Helvetas aktuell gemeinsam mit dem World Food Programme 9000 Haushalte mit Bargeldhilfen, damit die Familien Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter kaufen können.

Was sind die Hauptursachen?

Die Treiber des Hungers sind bekannt: Armut, Konflikte, geopolitische Spannungen, Klimakrise und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Zahl staatlicher bewaffneter Konflikte hat den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Gleichzeitig ist die humanitäre und entwicklungspolitische Finanzierung des Ernährungssektors in Krisenkontexten auf den niedrigsten Stand seit 2016/2017 gefallen. Die Kernbotschaft des Welthunger-Index lautet deshalb: Keine Sicherheit ohne Ernährungssicherheit. Hunger ist nicht einfach auf eine zu geringe Lebensmittelproduktion zurückzuführen, sondern vor allem darauf, dass die Menschen nicht zuverlässig Zugang zu ausreichend gesunder Ernährung haben. Ernährungsunsicherheit kann ihrerseits Krisen und Instabilität verschärfen.

Agrarökologie als Resilienz-Strategie

Anhaltende Fortschritte in Ländern wie Uganda, Togo und Nepal zeigen zugleich, dass Hunger verringert werden kann. Der Bericht führt diese Erfolge auf ein Zusammenspiel langfristiger Investitionen und politischer Massnahmen in Ernährung, Gesundheit, Bildung und Sanitätsversorgung zurück. Ein vielversprechender Ansatz ist die Agrarökologie. Sie fördert vielfältige und ressourcenschonende Anbaumethoden, nutzt lokales Wissen und stärkt so Ernährungssouveränität und Selbstbestimmung kleinbäuerlicher Familien. Genau das deckt sich mit einer der Handlungsempfehlungen des Welthunger-Index, langfristig in lokale und regionale Ernährungssysteme, klimaresistente Landwirtschaft, Infrastruktur und soziale Sicherheit zu investieren. Agrarökologie kann die Ernährungsprobleme eines Landes nicht lösen. Aber sie reduziert Hunger und wirkt über die Landwirtschaft hinaus: als politische Kraft für mehr Gerechtigkeit, ökologische Widerstandsfähigkeit und kulturelle Selbstbestimmung.

Was die Schweiz beitragen kann

Die Empfehlungen des Welthunger-Index rufen dazu auf, ein menschenzentriertes Sicherheitsverständnis zu verfolgen und Ernährungssicherheit sowie das Recht auf angemessene Nahrung systematisch in der Friedens- und Sicherheitspolitik zu verankern. Vor diesem Hintergrund ergeben sich für die Schweiz konkrete Handlungsvorschläge:

 

#Nachhaltige Entwicklung

René Holenstein ist ehemaliger Botschafter und Vorstandsmitglied von Helvetas (Helvetas hat den Welthunderbericht mitfinanziert).

Espresso Diplomatique

Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute im Fokus: Brasilien. Wie politische Macht internationale Klimaversprechen ausbremst. Nr. 511 | 06.10.2026
 

Aussenpolitik im 21. Jahrhundert

Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.      

Bilaterale III

Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).