Bilaterale III

Die Vernunft siegt gegen die Illusion des Ausklinkens

Am 14. Juni 2026 haben Volk und Kantone entschieden. Die Absage von fast 55 Prozent an die SVP-Initiative für eine Plafonierung der Bevölkerung auf 10 Millionen bedeutet die Wahl der Vernunft gegenüber der Illusion des Ausklinkens.

Die Schweiz hat damit ihren internationalen Partnern ein positives Signal gegeben. Das Abstimmungsergebnis vermeidet eine grössere diplomatische Krise, die von einigen als « Schweizer Brexit » bezeichnet wurde. Eine wahrhaftige « Guillotineklausel ». Eine Annahme des Initiativtexts hätte die Eidgenossenschaft sicherlich gezwungen, das Abkommen über die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union aufzukündigen, was unweigerlich das Ende der Gesamtheit der Bilateralen I und II nach sich gezogen und die Abkommen von Schengen und Dublin in Frage gestellt hätte.

Innenpolitische Antworten

Doch nach diesem Ergebnis geziemt es sich, die Fragen weiter zu prüfen, welche diese Initiative und ihre Unterstützer aufgeworfen haben, vor allem was die teilweise Überlastung gewisser Infrastrukturen angeht. Viele Leute haben ihr Ja mit der Absicht begründet, den Behörden ein Signal zu geben. Auf sie gilt es zu achten und daran zu arbeiten, praktische Lösungen in Kraft zu setzen.

Die Antwort auf diese Herausforderungen ist innenpolitisch und strukturell. Sie reicht von einer besseren Koordination der Raumplanung über gezielte Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur zu einer angemesseneren Wohnungsbaupolitik. Wenn sie sich die Werkzeuge für eine intelligente Bewirtschaftung ihrer Fläche in die Hand gibt, im  Respekt vor den Einwohnern und der Umwelt, kann die Schweiz Die Schweiz muss den Sirenengesängen über die Schliessung der Grenzen nicht nachgeben. Sie kann das demographische Wachstum absorbieren, wenn sie sich mit einer intelligenten Bewirtschaftung ihrer Fläche versieht. Studien belegen es.

Ja zur Beziehung zu unseren Nachbarn

Mit der Ablehnung der Initiative ist dies geklärt und kann die Schweiz sich heute auf das Wesentliche konzentrieren : Die Stabilisierung und Weiterentwicklung ihrer Beziehungen zur Europäischen Union. Dies wird immer wichtiger, weil mit dem gegenwärtigen Verlauf der Geopolitik die Herausforderungen sich nicht mehr auf der Ebene eines einzelnen Staats meistern lassen. Ob es sich um den Umbau der Energieversorgung oder die Herausforderungen der Zuwanderung oder sich Sicherheit des Kontinents handelt: die Schweiz ist auf solide Partner angewiesen. Das sind in erster Linie ihre Nachbarn, mit denen sie Werte, eine Geschichte, Kulturen und gemeinsame Sprachen teilt.

Offenheit und Zusammenarbeit sind die besten Garanten unserer Souveränität ! In diesem Sinne darf die Zukunft unserer Aussenpolitik nicht mehr von der Furcht vor dem anderen diktiert werden, sondern von der Bekräftigung unserer Interessen.

Was unsere Beziehungen zur Europäischen Union betrifft, sollten wir uns daran erinnern, dass das Ziel der Bilateralen III in der Fortsetzung der engen bilateralen Beziehungen besteht, wie sie in den vergangenen 30 Jahren aufgebaut wurden. So wird unser Status als eng durch sektorielle bilaterale Abkommen verbundenes Nichtmitglied der Europäischen Union durch intelligente, von einer fähigen und agilen Diplomatie ausgehandelte Schutzklauseln bestimmt. Sie geben die Rahmenbedingungen, die unsere Unternehmungen und unsere Arbeitsplätze in der Schweiz brauchen. Kurz gesagt, geht es um die Ausgestaltung der Schutzklauseln und flankierenden Massnahmen, die für den Schutz der Löhne und die unternehmerischen Möglichkeiten in der Schweiz notwendig sind, und gleichzeitig den Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu erhalten, der für die Exportindustrie fundamental ist. Vergessen wir nicht, einer von zwei in der Schweiz verdienten Franken von den Exporten stammt. Die Herausforderung vor uns ist, diesen bilateralen Weg, der seinen Nutzen für die Schweiz gezeigt hat, fortzuführen.

Nächste demokratische Etappen

Nächste Abstimmungen drehen sich ebenfalls um die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Welt. Als erstes wird am 24. September die Initiative « Wahrung der schweizerischen Neutralität » Volk und Ständen vorgelegt. Sie verlangt, eine strikte, immerwährende und bewaffnete Neutralität in die Verfassung zu schreiben. Insbesondere bezweckt sie ein Verbot der Zusammenarbeit und Zugehörigkeit zu militärischen Allianzen und, mit einigen Vorbehalten, die Anwendung von Sanktionen.

Sicher vor Ende Jahr wird es darum gehen, zum Kriegsmaterialgesetz Stellung zu nehmen, nachdem das Referendum zustande gekommen ist. Es wendet sich gegen die vom Parlament beschlossenen Aufweichungen, so die Kompetenzerteilung an den Bundesrat, für gewisse Länder von den Exportkriterien abzuweichen. Die Massnahmen nützen diesem Wirtschaftssektor und den damit verbundenen Arbeitsplätzen.

Beide Abstimmungen haben auch Folgen für die internationale Positionierung der Schweiz, ihre geopolitische Stellung und ihre Zusammenarbeit mit anderen Ländern

Öffnung zahlt sich aus

Die Ablehnung der « 10-Millionen-Initiative » ist ein wichtiger Meilenstein der Aussenpolitik. Sie erlaubt es der Eidgenossenschaft, europäische Verhandlungen freiwillig und offen anzugehen. Dies mit einer geeinten Front, welche die Behörden und im Fall des Referendums das Volk auch zu konkreten innenpolitischen Antworten auf das Bevölkerungswachstum verpflichtet.

Indem es seine Rolle als Brücke im Herzen Europas annimmt, wird unser Land weiter prosperieren und die Lebensqualität bewahren, die seinen Ruf ausmacht. Die Schweizer Geschichte hat es fortwährend bewiesen : Der Mut zur Öffnung zahlt sich immer besser aus als die Angst vor der Aussenwelt.

Laurent Wehrli ist Nationalrat (FDP) und Vizepräsident der SGA-ASPE

Espresso Diplomatique

Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute im Fokus: Dänemark – wo Sozialdemokraten die härteste Migrationspolitik Europas machen. Nr. 502 | 19.05.2026
 

Aussenpolitik im 21. Jahrhundert

Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.      

Bilaterale III

Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).