Vom 14. bis 16. November 2026 richtet sich der Blick der frankophonen Welt nach Kambodscha. In Phnom Penh treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Organisation internationale de la Francophonie (OIF) zum grossen Gipfeltreffen, das nur alle zwei Jahre stattfindet. Es geht dabei um Themen wie Friedenssicherung, internationale Zusammenarbeit sowie wirtschaftliche Vernetzung. Weltweit gibt es aktuell 26 Staaten, in denen Französisch Amtssprache ist. Die OIF zählt jedoch 56 Vollmitglieder, neben Nationalstaaten auch Teilgebiete, wie zum Beispiel Québec oder Wallonien, fünf assoziierte Mitglieder sowie 32 Beobachter. Man kann sich zwar fragen, wie glaubwürdig und sinnvoll es ist, wenn Länder wie Argentinien, Thailand oder Lettland als Beobachter in der OIF mitmachen, zumal diese kaum einen Bezug zur französischen Sprache haben. Das stetige Wachstum der Organisation beweist jedoch, wie attraktiv sie in politischer und strategischer Hinsicht geworden ist.
Für die Schweiz ist dieser Gipfel aus einem weiteren Grund von Relevanz: Vor genau dreissig Jahren trat sie der OIF respektive ihrer Vorgängerorganisation, der Agence de coopération culturelle et technique (ACCT) bei. Ein Jubiläum, das Anlass geben soll, die Rolle unseres Landes innerhalb dieser Organisation konstruktiv zu hinterfragen: Was hat die Schweiz seit 1996 in der OIF geleistet und erreicht? Stellt die OIF ein Netzwerk dar, für welches es sich lohnt, an dritter Stelle auf der Liste der Geldgeber zu stehen, gleich hinter Frankreich und Kanada? Und wie könnte die Schweiz ihre Teilhabe an der Frankophonie noch besser nutzen oder gar ausbauen?
Der Beitritt unseres Landes zur Frankophonie im Jahr 1996 war nicht selbstverständlich. Zwar ist Französisch eine der vier Landessprachen der Schweiz, doch lange Zeit verhielt sich Bundesbern zurückhaltend gegenüber dieser Organisation. Die Frankophonie war seit ihrer Gründung im Jahr 1970 stark mit Frankreich und dessen ehemaligem Kolonialraum verbunden. Für ein neutrales Land hätte ein Beitritt zu einer solchen Organisation als Parteinahme oder Bindung an einen geopolitischen Einflussblock missverstanden werden können. Dies widersprach der damaligen, sehr strikt ausgelegten Schweizer Neutralität.
Ein wichtiger Grund, dass der OIF-Beitritt der Schweiz ohne Volksabstimmung gelang, war wohl das EWR-Nein vom Dezember 1992. Die EWR-Abstimmung offenbarte eine tiefe Kluft zwischen der eher europafreundlichen Romandie und der eher europaskeptischen Deutschschweiz. Der Slogan «La Suisse n’existe pas» des Schweizer Pavillions an der Weltausstellung in Sevilla wenige Monate zuvor erwies sich fast als prophetisch. Angesichts der Sorge um den nationalen Zusammenhalt war die OIF (respektive ACCT) ideal dazu geeignet, die Romandie wieder «abzuholen». Darüber hinaus handelt es sich weder um eine supranationale Gemeinschaft noch um einen sicherheitspolitischen Verbund, sondern um eine Organisation, die Werte wie Friedensförderung und multilaterale Zusammenarbeit betont, also klassische Stärken und Themen der Schweizer Aussenpolitik. Davon abgesehen hatte die Schweiz bereits seit 1989 offiziell an den Gipfeltreffen der Frankophonie teilgenommen.
Dreissig Jahre nach dem Beitritt fällt die Bilanz zur Schweizer Mitgliedschaft eher gemischt aus. Die Schweiz engagiert sich in diversen OIF-Programmen und das internationale Genf profitiert von den Beziehungen zu zahlreichen frankophonen Staaten. Ein Höhepunkt war der Frankophonie-Gipfel 2010 in Montreux, mit dem die Schweiz ihre Rolle als Vermittlerin unterstrich. Unlängst hat sich die Schweiz auch beim Thema Digitalisierung hervorgetan: sie fördert über die von ihr mitgegründete DiploFoundation ein Projekt, bei welchem Diplomaten aus frankophonen Entwicklungsländern im Umgang mit KI geschult werden.
Bei genauerer Betrachtung stellt sich aber die Frage, welchen Stellenwert die Frankophonie in der Schweizer Aussenpolitik tatsächlich einnimmt. Ein bezeichnendes Beispiel bietet der afrikanische Kontinent: Rund ein Drittel der dortigen Bevölkerung gilt als frankophon. Dennoch wird die Frankophonie in der aktuellen Afrika-Strategie des Bundes (2025-2028) mit keinem Wort erwähnt. Auch bei der sogenannten «Francophonie économique», bei der die französische Sprache als Hebel für mehr Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit dienen soll, hält sich die Schweiz zurück, während Frankreich oder Kanada diesbezüglich wesentlich mehr Potenzial sehen. Mangelnde helvetische Ambitionen lassen sich auch beim Thema Personal erkennen: während die OIF-Generalsekretärin in der Regel aus einem afrikanischen Land stammt, kommt im Gegenzug der OIF-Administrateur, also die operative Nummer zwei, fast immer aus einem westlichen Land. Die Schweiz hat sich bis dato noch nie dafür engagiert, dieses Amt zu stellen, welches seit vielen Jahren fest in kanadischen Händen ist . Hätte die Schweiz dies gewollt, hätte sie bei den Mitgliedern stärker mobilisieren müssen, was sie unter anderem unlängst beim Europarat (Alain Berset), bei OSZE-Spitzenposten (Didier Burkhalter, Thomas Greminger), bei der OECD (Philipp Hildebrand) und bei diversen anderen Organisationen tat.
Die Frankophonie ist aber nicht nur in Afrika und Kanada zu Hause. Gerade im Herzen Europas wäre das Potenzial für stärkere frankophone Zusammenarbeit beträchtlich. Die deutschsprachigen Länder zeigen auf, wie es funktionieren kann: Seit dem Jahr 2010 treffen sich die deutschsprachigen Finanzministerinnen und -minister jedes Jahr im August. Im Zentrum steht jeweils der vertrauliche Erfahrungsaustausch über gemeinsame wirtschaftliche und finanzpolitische Herausforderungen. Wieso schaffen Frankreich, Belgien, die Schweiz, Luxemburg und Monaco nicht, was Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg etabliert haben? Im Jahr 2027 findet das Treffen wieder in der Schweiz statt und man kann sich fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, in Analogie endlich auch einmal ein französischsprachiges Treffen einzuberufen.
Zurück zu den oben gestellten Fragen: Ja, die Schweiz hätte sich gewiss noch stärker in die OIF gestalterisch und operativ einbringen können. Letztere ist zwar für ihre Bürokratie und Schwerfälligkeit bekannt und wurde deswegen in einem Auditbericht unlängst gar gerügt. Aber der jährliche Beitrag von etwas über 4 Millionen Franken kann sich die Schweiz allemal leisten. Vielmehr könnte die Schweiz auch ausserhalb der OIF-Strukturen die Frankophonie neu beleben, ob mit der oben skizzierten Initiative der Finanzminister oder mit der Lancierung eines frankophonen Treffens, dem insbesondere der Privatsektor nicht fernbleibt. Im Gegensatz zu den heutigen Wirtschaftstreffen der OIF, welche primär politische Veranstaltungen sind, bräuchte es einen frankophonen Ort, der als WEF-ähnlicher Magnet über Jahrzehnte funktioniert. Und wieso nicht in der Romandie?
* Simon Denoth ist Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit/Public Affairs bei der Schweizerischen Exportrisikoversicherung SERV und Mitglied des Vorstands der SGA-ASPE.
Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute stehen die sogenannten «Killerroboter» im Fokus. Wer trägt die Verantwortung, wenn Maschinen selbst ihre Ziele auswählen? Nr. 512 | 20.10.2026
Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.
Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).