Die Erwartung, dass sich eine einheitliche universelle Ordnung nach und nach durchsetze, war gestern. Was wir stattdessen sehen, ist eine wesentlich diffusere und volatilere Realität, diagnostiziert das Center for Security Studies der ETH in seiner neuesten Standortbestimmung zur globalen Sicherheitslage.
Alljährlich legt das Zürcher Center for Security Studies (CSS) eine aktuelle Analyse der geostrategischen Lage und der sicherheitspolitischen Herausforderungen und Trends vor. Herausgeber der soeben veröffentlichten «Strategic Trends 2026» sind Daniel Möckli, Leiter des CSS-Think-Tanks, und Gorana Grgić, Leiterin des Teams Global Security. Die knapp 100-seitige englischsprachige Publikation – bereits die 16. in dieser Reihe – widmet sich in vier Kapiteln dem Spannungsfeld zwischen Einflusssphären revisionistischer Grossmächte und regionalen Wirtschafts- und Sicherheitsarchitekturen, den Beziehungen zwischen Europa und China, technologischem Wandel und Konstanten in der Kriegführung sowie dem zunehmend militarisierten Weltraum.
In der Zusammenschau macht das CSS drei dominante Entwicklungstendenzen aus:
Das künftige internationale System wird, so das CSS, weder völlig geordnet noch gänzlich anarchisch sein. Es wird konfliktreich und labil sein, strukturiert in sich überlagernden Konfliktlinien und Kooperationsschichten, bestimmt durch unterschiedliche Bestrebungen einer Vielzahl von Akteuren und Institutionen.
War schon in der letztjährigen Analyse die Rede von Erschütterung der globalen Ordnung als Folge von Machtverschiebung, Grossmacht-Revisionismus und Ablehnung westlicher Dominanz im globalen Süden, so wird in diesem Jahr der beschleunigte Zerfall der lange von den USA aufrechterhaltenen Ordnung diagnostiziert: «Trump’s impact on global politics has been seismic». Das Handeln des amerikanischen Präsidenten wird zurückhaltend als «highly unconventional» und «vastly personalist» charakterisiert. Und deutlicher: Es sei auf kurzfristigen wirtschaftlichen und politischen Gewinn ausgerichtet, ohne Rücksicht auf langfristige Partnerschaften und multilaterale Praktiken. Zu den Folgen gehören laut CSS generell Disruption und Unvorhersehbarkeit in den internationalen Beziehungen und nicht zuletzt Risse im transatlantischen Verhältnis.
Gorana Grgić analysiert, was es bedeutet, dass die drei stärksten Atommächte (USA, China, Russland) explizit regionale Dominanz beanspruchen und immer öfter gegen Völkerrecht und hergebrachte Normen (wie Respektierung der Souveränität, Verbot territorialer Eroberung) verstossen. Das überholt geglaubte Denken in Einflusssphären steht wieder im Zentrum des Denkens der Grossmächte. Neu sind freilich die Mechanismen der Einflussausübung: Diese bedarf nicht unbedingt territorialer Eroberung; öfter sind es institutionelle Arrangements, geteilte Infrastrukturen, regulatorische und technologische Standards, welche dauerhafte Abhängigkeiten schaffen und die Kosten eines Aus- oder Umstiegs in die Höhe treiben.
Es fehlt nicht an Gegenbewegungen: Mittlere und kleinere Akteure entwickeln (regional und/oder funktional) Mechanismen, um sich gegen externe Einflussnahmen zu schützen. Prominentestes und erfolgreichstes Beispiel ist die Europäische Union, die mit ihrem gemeinsamen Wirtschaftsraum und ihrem regulatorischen Gewicht andere Akteure daran hindern kann, ihre Standards (etwa hinsichtlich Datenschutz, Wettbewerbsrecht, Produktestandards, Regulierung neuer Technologien) unilateral zu diktieren. Schwachpunkt bleibt, dass die EU weiterhin von externen Sicherheitsgarantien abhängig ist. Die Autorin zeigt jedoch auf, dass (trotz Divergenzen unter Mitgliedern und unterschiedlicher Bedrohungswahrnehmung) ein rapider Ausbau der Verteidigungs- und Sicherheitszusammenarbeit durch gemeinsame Beschaffungen und Bestrebungen zur Stärkung der strategischen Autonomie eingeleitet wurde.
Die Welt befindet sich nach Grgićs Worten auf dem Weg zu einer «Mosaik»-Ordnung, bestehend aus selektiv verbundenen, wandelbaren regionalen Architekturen, eine Ordnung, in welcher sich Kooperation und Rivalität nicht gegenseitig ausschliessen. «The era of a single, coherent global order has given way to multiple, partially overlapping logics that coexist unevenly across regions and issue areas.» Bezugsrahmen für Souveränität und strategische Entscheidungen bilden heute oft sich überlappende Strukturen, nicht eine einheitliche Weltordnung. «The restoration or creation of a single, universal order is not a realistic prospect in the foreseeable future. The more practical objective is to manage plurality by strengthening regional capacity where feasible», folgert Grgić.
Gesine Weber befasst sich mit dem zunehmend angespannten Verhältnis zwischen Europa und China. Konfliktzonen sind ebenso makroökonomische Ungleichgewichte und unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der Weltordnung als insbesondere auch die Haltung gegenüber aktuellen Kriegen. Was China für legitim hält – Unterstützung seines wichtigsten Nachbarn Russland in dessen Angriffskrieg gegen die als bedrohlich empfundene, vom Westen unterstützte Ukraine –, ist europäischen Sicherheitsinteressen diametral entgegengesetzt. Die Autorin geht davon aus, dass diese strukturellen Spannungen langfristig bestehen bleiben dürften. Gleichzeitig wirken enge wirtschaftliche Verflechtungen, und je schwieriger sich das Verhältnis zwischen den USA und Europa gestaltet, desto stärker wirkt die Tendenz, sich mit China ökonomisch und politisch zu arrangieren. Trotz Frustrationen also kaum Entkoppelung, konstatiert Weber. Vielmehr könnten China und Europa – vorausgesetzt, dieses findet zu einer konsolidierten Haltung – gemeinsam die künftige Weltordnung einer «managed multipolarity» prägen.
Ivan Zaccagnini geht der Frage nach, wie weit technologische Innovationen das Potenzial haben, die Kriegsführung grundlegend zu verändern. Anhand der aktuellen Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zeigt er auf, dass Veränderungen kontinuierlich vonstatten gehen und der menschliche Faktor ausschlaggebend bleibt. Konventionelle Formen der Kriegsführung werden auch künftig eine zentrale Rolle spielen, wodurch Staaten gezwungen sind, Investitionen in hochmoderne Innovationen mit den weiterhin grundlegenden Prinzipien konventioneller militärischer Macht auszubalancieren. Besonders aufhorchen lassen die Hinweise des Autors auf die omnipräsente hybride Kriegführung insbesondere Russlands sowie auf die wachsende technologische Abhängigkeit von Staaten gegenüber privaten Firmen, welche sich politischer Kontrolle nach Gutdünken entziehen können.
Clémence Poirier schliesslich untersucht die Entwicklung des Weltraums zu einem umkämpften und zunehmend militarisierten Bereich. Die Akteure im Weltraum bereiten sich in einem Ausmass auf Konflikte vor, das seit dem Kalten Krieg nicht mehr beobachtet wurde. Dass der Weltraum eine zunehmend umkämpfte Sphäre wird, ist besonders besorgniserregend, da er ein globales Gemeingut ist und eine Katastrophe alle Raumfahrtnationen, ebenso wie die Systeme und Dienstleistungen auf der Erde, die in hohem Masse von Satelliten abhängig sind, betreffen würde.
Die Schweiz kommt (vom Hinweis auf Mediationspotential in Sachen Weltraum abgesehen) in den «Strategic Trends 2026» nicht explizit vor. Und doch ist sie mit jedem Satz der Analysen des CSS angesprochen. Die Veränderungen des strategischen Umfelds betreffen sie als Solitär im globalen «Umzug» in besonderem Masse. Die Analysen führen vor Augen, dass Sicherheitspolitik weit mehr ist und mehr verlangt als militärische Verteidigung: sie muss in einer holistischen Sicht Aussenbeziehungen, das Verhältnis zu internationalen Organismen, Wirtschaft, Versorgungssicherheit und vieles mehr, nicht zuletzt soziale Resilienz, einschliessen und unter einen Hut bringen!
20.04.2026
Gorana Grgić/Daniel Möckli/ (Hrsg.), Strategic Trends 2026, 98 Seiten, Zürich 2026. Open Source: https://ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/cis/center-for-securities-studies/pdfs/ST2026.pdf
Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute steht der Erdorbit im Fokus: Wie erhöhte militärische Bemühungen, ein überholtes Abkommen und private Akteure die Karten neu mischen. . Nr. 499 | 07.04.2026
Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.
Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).