Politik und Fussball gehören seit je zusammen: Der Schweizer Sieg gegen Grossdeutschland am 9. Juni 1938 war für das Schweizer Publikum ein Signal des Widerstands. Der deutsche Weltmeistertitel am 4. Juli 1954 ein spiritueller Geburtsakt der Bundesrepublik. Ganz zu schweigen vom „Fussballkrieg‘ zwischen Honduras und El Salvador im Sommer 1969 (1200 Tote), und nicht zu vergessen die „Stop-it-Chirac“-Aktion der Schweizer Nationalmannschaft gegen die französischen Nukleartests vom 6. September 1995. Oder den Kosovo-Adler, als es 2018 gegen die Serben ging.
Die Verbände tun alles, um die Schimäre aufrechtzuerhalten, man wolle nur spielen. Unten wird sanktioniert: Unbotmässige Handlungen der Spieler sind unterbunden und geahndet. Oben wird weiter politisiert, in dieser WM-Saison noch unverfrorener sonst: Als Kotau vor der Amerikanisierung des Sports führt der Weltverband FIFA die Werbepause (hydration break) ein. Um den Caudillo in Washington bei Laune zu halten, erfindet und verleiht er hurtig den FIFA peace prize. Als ein US-Spieler regelkonform wegen Roter Karte fūr den Achtelfinal gesperrt wird, genūgt der dedazo aus dem Weissen Haus, um das Recht zu biegen, die Regel aufzuheben und den Mann spielen zu lassen. Die Antwort ist dann auf dem Platz gekommen, die Belgier klopften die Amerikaner mit 4:1 weg.
Eigentlich wollte ich mir den World Cup diesmal verkneifen. Hydration break, peace prize, die willfährigen Apologien der Sportpresse ob der absurden Eintrittspreise („ist eben so in Amerika“) brachten einen normalerweise gesunden Appetit zum Verschwinden . Doch wie kann einer den Savonarola spielen, wenn so grossartiger Sport geboten wird wie in Nordamerika? Man guckt eben doch. Und schaut auf ein eminent politisches Phänomen: Noch nie haben Mannschaften aus Afrika an einer Weltmeisterschaft in so grosser Zahl eine dermassen grosse Rolle gespielt. Acht Nationen kamen eine Runde weiter: Marokko, das es in den Viertelfinal schaffte, Ägypten, das dank des Schiedsrichters im Achtelfinal scheiterte, Senegal, Algerien, Ghana, Côte d’Ivoire, die Kapverdischen Inseln, die Demokratische Republik Kongo, die seit zwei Generationen im Dauerkrieg existiert. Einige dieser Länder werden vom Weltenherrscher in Washington als shithole countries tituliert (pardon his French). Auf dem UNO-„Index der menschlichen Entwicklung“ liegen sie alle in der unteren Hälfte, am besten steht Ägypten auf Rang 100 da, am schlechtesten die Demokratische Republik Kongo auf Platz 171.
Sie sind ärmer als wir, diese afrikanischen Länder, weniger demokratisch, weniger erfolgreich, möglicherweise weniger geschickt, vielleicht korrupter und in der „guten Regierungsführung nicht so geübt. Aber sie sind im Kommen. Es ist keine Frage, dass die Erfolge ihrer Fussballer unter den afrikanischen Millionen den Stolz schwellen lassen. Vielleicht auch die Zuversicht, sicher das Gefühl, dass sich etwas bewegen lässt. Die Fussballweltmeisterschaft hat gezeigt, dass Afrika nicht nur aus Hungerleidern, Almosenempfängern und Flüchtlingen besteht. Seine Fussballer signalisieren, dass es ein anderes Afrika geben kann, das sich von gleich zu gleich mit dem Rest der Welt zu messen weiss.
Wir tun gut daran, dies zur Kenntnis zu nehmen. Wir in der Schweiz täten darüberhinaus auch gut daran, unseren FIFA-Standort am Zürichberg etwas wintersicher zu machen. Noch mehr peace prizes, noch mehr Servilität, noch mehr Kreativität im Umgang mit den eigenen Regeln werden sich mit der Zeit zum „Reputationsrisiko“ für die Eidgenossenschaft auswachsen. Wo ist der Bundesrat, der den Sachbearbeiter, wo der Botschafter, der den dritten Sekretär vorschickt, wenn der Landsmann aus dem Wallis vorsprechen will?
Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute im Fokus: Dänemark – wo Sozialdemokraten die härteste Migrationspolitik Europas machen. Nr. 502 | 19.05.2026
Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.
Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).