Aussenpolitik auf Ökonometrie zu reduzieren, führt zu grotesken Schlussfolgerungen. So argumentiert Prof. Reiner Eichenberger (im «Bund» vom 22.04.) anhand bestimmter Zahlen, die Personenfreizügigkeit mit der EU schade dem Schweizer Normalbürger mehr als sie ihm nütze, also gehöre sie abgeschafft, und überhaupt wäre der Wegfall der Bilateralen wohl positiv. Das erinnert fatal an die Einflüsterungen der «Brexiteers». Inzwischen wissen’s die Briten besser: Sie haben sich durch derlei Kurzschlüsse zu einem kostspieligen Eigentor verleiten lassen.
Die Zahlen sind richtig und wichtig. Aber andere namhafte Ökonomen ziehen daraus umgekehrte Schlussfolgerungen. Eichenbergers «Beweisführung» gelingt nur dank radikaler Einengung des Gesichtsfeldes.
Ausgeklammert bleibt, dass die Personenfreizügigkeit ein nicht wegzudiskutierendes Element des europäischen Binnenmarkts ist, auf dem wir Schweizer selbstverständlich möglichst gleichberechtigt einkaufen und verkaufen wollen.
Unberücksichtigt bleibt, dass Personenfreizügigkeit auf Gegenseitigkeit beruht und Schweizerinnen und Schweizer selber eifrig davon Gebrauch machen. Im EU-Raum lebt eine halbe Million Schweizerbürger, in Frankreich allein über 200’000, in Deutschland mehr als 100’000, und es gibt ein stetes Kommen und Gehen. Wollen wir uns und unseren Kindern die Freiheit der Mobilität verbauen und der Schweiz deren Bénéfices in Form von Erfahrungen, Vernetzung, Innovationsfähigkeit vorenthalten?
Ausgeblendet bleibt, dass wir in vielen Branchen, vorab Gesundheitswesen, Tourismus und Landwirtschaft, auf Zuwanderung angewiesen sind und bleiben. Aufgrund der demographischen Trends ist absehbar, dass sich nicht nur in der Schweiz, sondern in Europa der Wettbewerb um Arbeitskräfte verschärfen wird.
Unerwähnt bleibt, was denn die Alternative sein soll, wenn wir das bilaterale Konstrukt mutwillig zum Einsturz bringen.
Ausser Acht gelassen wird schliesslich, dass die aktuelle geopolitische Entwicklung ein Zusammenrücken der europäischen Demokratien gebietet. Ist das der geeignete Moment, um uns aus dem Binnenmarkt zu verabschieden und unseren europäischen Partnern die kalte Schulter zu zeigen?
Aussenpolitik erfordert eine Gesamtsicht. Tunnelblick führt zu falschen Schlüssen. Prosperität und Sicherheit sind mit Abschottung unvereinbar. Die Idee, die Bevölkerung zu deckeln und Brücken zu unserer europäischen Umgebung abzubrechen, ist selbstzerstörerisch.
Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute steht der Erdorbit im Fokus: Wie erhöhte militärische Bemühungen, ein überholtes Abkommen und private Akteure die Karten neu mischen. . Nr. 499 | 07.04.2026
Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.
Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).