Die Zuwanderung von Arbeitskräften ist die Wohlstandsgarantin für die Schweiz. Was seit Jahrzehnten gilt, gilt erst recht für die Zukunft. Aber wie lange noch?
Schweizerinnen und Schweizer sind bei weitem nicht reproduktiv genug, um die bevorstehenden Abgänge aus dem Erwerbsleben zu kompensieren. Die demografische Lücke wächst und wächst. Deshalb schlägt die Wirtschaft Alarm. Nach Berechnungen des Arbeitgeberverbandes können in den kommenden zehn Jahren 460‘000 Stellen nicht oder nur mit zugewanderten Personen besetzt werden. Vielleicht wird die KI mit Rationalisierungseffekten die Beschäftigungslücke ein bisschen kleiner machen, vielleicht auch nicht. Ganz gewiss aber nicht dort, wo wenig bis gar nicht digital rationalisiert werden kann wie zum Beispiel im Pflegebereich, auf dem Bau oder in der Gastronomie. In diesen Branchen sind schon jetzt 50 bis 80 Prozent der Beschäftigten ausländischer Herkunft. Sie würden ohne Zuwanderung kollabieren. Das sollten sich all jene Stimmberechtigten zu Herzen nehmen, die mit der SVP-Initiative «Keine 10-Millionen Schweiz» liebäugeln.
Die Annahme dieser Chaos-Initiative hätte die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU zur Folge. Das wichtigste Arbeitskräftereservoir würde verstopft, die Wohlstandsgarantin ausgemustert. Der Verzicht auf Zuwanderung würde die einheimische Bevölkerung sehr teuer zu stehen kommen. Der Wohlstand, die Sozialwerke und die Steuereinnahmen kämen massiv unter Druck. Der Preis wäre hoch, viel zu hoch.
Selbst wenn das Stimmvolk diesen Frontalangriff auf die Zuwanderung aus Europa ablehnen sollte, wird sich die Schweiz migrationspolitisch nicht zurücklehnen dürfen. Die demografische Lücke ist nämlich ein europaweites Phänomen, der daraus resultierende Fachkräftemangel wird überall ein immer grösser werdendes Problem. Deshalb ist es mehr als wahrscheinlich, dass der Nachschub aus den EU-Ländern nicht mehr ausreichen wird, um die absehbaren Beschäftigungslöcher zu stopfen.
Die Schweiz holt schon jetzt pro Jahr 8000 Hochqualifizierte aus Drittstaaten. Das wird in Zukunft in doppelter Hinsicht nicht mehr genügen: Sowohl die Beschränkung auf 8‘000 als auch die auf Hochqualifizierte muss fallen, wenn man die Bedürfnisse der Wirtschaft befriedigen will. Darum wird die Migrationsaussenpolitik in Zukunft auf zwei Pfeilern ruhen müssen: Der Personenfreizügigkeit mit der EU und Migrationspartnerschaften mit Drittstaaten. Letztere werden erheblich an Bedeutung gewinnen und sollten so schnell wie möglich ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Die Schweiz kennt dieses Instrument bereits, betont aber gerne Elemente wie Rückkehrhilfe und Rückübernahmeabkommen oder den Rückgang von Asylgesuchen aus diesen Partnerländern. Diese Orientierung an Eigeninteressen müsste zwingend ergänzt werden durch die Berücksichtigung von Partnerinteressen. Wie das aussehen kann, zeigte der Migrationsexperte Eduard Gnesa kürzlich in einem Vortrag vor der SGA in Bern: Die Niederlande schlossen mit Indonesien ein Abkommen, das die Ausbildung von 4000 indonesischen Frauen zu Pflegefachkräften beinhaltete, finanziert von Holland. 2000 von ihnen durften anschliessend nach Holland auswandern, 2000 fanden Jobs im indonesischen Gesundheitswesen. Diese Ausbildungshilfe ist zentral, weil sie den mit der Auswanderung verbundenen „brain drain“ unterbindet und stattdessen im Auswanderungsland selbst positive Effekte zeitigt. Länder wie die Schweiz müssen aufhören, weniger entwickelten Staaten Leute auszuspannen, zu deren Ausbildung sie keinen Rappen beigesteuert haben. Die Maghreb-Staaten (Tunesien, Algerien, Marokko) würden sich für Migrationspartnerschaften gut eignen. Es gibt hier viele arbeitslose junge Leute französischer Muttersprache, die die Schweiz vor Ort ausbilden und anschliessend analog dem holländischen Beispiel hälftig bei sich zuhause und bei uns in den Arbeitsmarkt integrieren könnte.
Das Potenzial dieses Modells hat inzwischen auch die EU entdeckt; es hat Eingang gefunden in ihren kürzlich verabschiedeten Asyl- und Migrationspakt.
Kurz und kräftig. Die wöchentliche Dosis Aussenpolitik von foraus, der SGA und Caritas. Heute steht der Erdorbit im Fokus: Wie erhöhte militärische Bemühungen, ein überholtes Abkommen und private Akteure die Karten neu mischen. . Nr. 499 | 07.04.2026
Der Überblick zur schweizerischen Aussenpolitik entlang ihrer zentralen Gebiete. Online nachgeführt und aufdatiert. Neue Beiträge von Joëlle Kuntz (La neutralité, le monument aux Suisses jamais morts) und Markus Mugglin (Schweiz – Europäische Union: Eine Chronologie der Verhandlungen) sowie von Martin Dahinden und Peter Hug (Sicherheitspolitik der Schweiz neu denken - aber wie?). Zum Inhalt.
Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ist der Fluchtpunkt der aussenpolitischen Auseinandersetzungen im Lande. Bis zur Abstimmung über die neuen Verträge (“Bilaterale III”) präsentieren wir unsere Beiträge, die offiziellen Texte, ausgewählte Positionsbezüge von Parteien und anderen Akteuren sowie eine Chronologie gebündelt auf einer Seite (hier klicken).