Lesetipp

Trumps Überbau: Amerikas rechte Intellektuelle

Das Machtgehabe von US-Präsident Donald Trump ruht auf einem weltanschaulichen Ideengebilde, das in den Vereinigten Staaten das Feld des “Konservatismus” aufgerollt hat und nun dominiert. Die Politikwissenschaftlerin Laura Field beschreibt ein dichtes, gut vernetztes Geflecht.

Unter den jungen staffers der republikanischen Kongressmehrheit ist der “Bronze Age Pervert” Lieblingslektüre. Der Autor preist die Bronzezeit als Umsturz einer weiblichen Tyrannei, welche das Männervolk im gemeinschaftlichen longhouse unter der Knute gehalten habe, und er sieht die heutige Zeit als ähnliche “Gynokratie”. Der “Raw Egg Nationalist”, der seine Werke im faschistischen Antelope Hill Verlag publiziert, ruft zum nationalen Widerstand gegen den “Soyaglobalismus” auf und   propagiert den intensiven Konsum von rohen Eiern im Verbund mit Bodybuilding und Verzicht auf den Erzeugnissen der Lebensmittelkonzerne. Der Trump-Flüsterer Steve Bannon verehrt das antike Sparta, das soldatische Mannhaftigkeit und brutale Unterdrückung der versklavten Helotenklasse paarte und den Peloponnesischen Krieg gegen das sozusagen “urbane” Athen gewann.

Sie sind  Exponenten der Neuen Rechten, die in den USA den Ton angibt. Sie verstehen sich als Avantgarde einer neuen, auf “Nationen” gegründeten Epoche, die das Zeitalter von Aufklärung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ablöst. Sie sind breit vernetzt, gut finanziert, brillant in der Anwendung der Internet-Kommunikation und hochgebildet. Der “Bronze Age Pervert”, ein rumänischer Einwanderer namens Costin Alamariu, hat in Yale doktoriert. Charles Cornish-Dale , der “Raw Egg Nationalist”, ist Absolvent von Oxford und Cambridge. Politischer Fluchtpunkt ist Vizepräsident J.D. Vance, der auf Veranstaltungen der Neuen Rechten auftritt.  Sein Spruch, das Land sei im Griff von «childless cat ladies  who are miserable at their own lives… and so they want to make the rest of the country miserable, too» (“kinderlose Katzendamen, die ihr Leben leid sind”) ist keine Verirrung, sondern passt in den Kontext.

In “Furious Minds; the making of the MAGA New Right” beschreibt Autorin Laura Field eine Menagerie aus Sonderlingen, Querköpfen, Rechthabern, Provokateuren und etablierten Grossakademikern, welche die amerikanische Neue Rechte ausmachen. Field, Doktorin der Politischen Theorie, ist  eine entfremdete Angehörige des konservativen akademischen Milieus, gross geworden unter den Anhängern des Philosophen Leo Strauss und erschüttert durch die Entwicklung des konservativen Denkens zu Nationalismus, Machotum, Missachtung der Rechtsstaatlichkeit und autoritärem Machtanspruch, wie sie  sich in der  MAGA-Ideologie (make America great again) von Präsident Trump durchgesetzt haben.

Alte Fundamente

Die Fundamente des neuen Denkens sind alt. Field nennt ihren Guru Leo Strauss (1899-1973), einen führender Kritiker des Liberalismus. Strauss hielt die liberale Ordnung (“Athen”)  langfristig für untauglich, weil sie die beständigen, auf “Werten” beruhenden Grundlagen einer Gesellschaft (“Jerusalem”) relativiere und so mit der Zeit auflöse. Ein anderer Ideengeber der neuen Rechten ist der nationalsozialistische Jurist Carl Schmitt, der die demokratische Eingrenzung staatlicher Macht zugunsten einer unbeschränkten Herrschaftsgewalt des “Souveräns” verwarf. Nach dem Weltkrieg wurde das Banner der Kritik an Wohlfahrtsstaat, Mehrheitsherrschaft, Gleichheitsgebot – in den USA unter dem Etikett liberalism subsumiert – am rechten Rand der Republikanischen Partei hochgehalten. “ Extremism in defense of liberty is no vice”, rief Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater dem Parteikonvent 1964 zu. «Moderation in the pursuit of justice is no virtue”. Der Satz stammte vom Polit-Philosophen Harry Jaffa, einem Schüler von Leo Strauss.  In jüngerer Zeit hat der “Paläookonservative “ Patrick Buchanan (US-Präsidentschaftskandidat 1992, 1996 und 2000) Ideen des Trumpismus vorweggenommen. Er predigte, die Zukunft gehöre dem Nationalismus und warf seinem damaligen Gegner, George Bush dem Älteren, vor, ein trade wimp (“Handelswaschlappen”) zu sein. Am Republikanischen Parteikonvent von 1992 rief er  den “Religionskrieg um Amerikas Seele” aus.

“Nicht leicht zu widerlegen”

Die Goldwaters und Buchanans unterlagen in ihren politischen Kämpfen. Buchanans Parteitagstirade erschien 1992 als bizarrer Ausreisser (“im ursprünglichen Deutsch klang sie vielleicht besser”, schrieb die Kommentatorin Molly Ivins). Heute ist sie gängiger Diskurs im gesamten Spektrum ausserhalb der liberals. Ihn als dümmliche Verirrung abzutun, greife zu kurz, schreibt Autorin Field. Sie plädiert für eine substantielle Auseinandersetzung mit den “Fragestellungen, Ideen und Argumente der Neuen Rechten”, weil sie erstens “wirkmächtig” und zweitens «nicht leicht zu widerlegen” seien: “Es ist offensichtlich möglich, sehr gut informiert zu sein und schreckliche Urteilskraft oder gefährliche politische Haltungen zu haben”.

Unter den “nicht einfach zu widerlegenden” rechten Gedanken nennt Field die vom “Raw Egg Nationalist” vorgetragene Kritik an der Massenproduktion von Lebensmittel oder der von den Pharmakonzernen dominierten Medizin, die – zunächst vor allem von der Linken artikulierten – Einwände gegen die ökonomische und kulturelle Globalisierung oder die Bevormundung durch “freiwillige” Antirassismusseminare und diversity-Trainings im Staat und am  Arbeitsplatz. Die Neue Rechte fasst solche Widerstände in einer Art einheitlicher Feldtheorie zusammen, die sich wie eine Käseglocke über alles stülpt – beim «Bronze Age Pervert» das longhouse, beim Silicon-Valley-Vordenker Curtis Yarvin “die Kathedrale” aus Medien, Staat und Wissenschaftsbetrieb. Sie zu erkennen, gilt als Offenbarungssache, die dem Erleuchteten schlagartig bewusst wird. Die Rechtsextremen reden von der “roten Pille” (aus den Matrix-Filmen), die von der  illusionären in die wahre Welt führe. Mit solcher Erleuchtung kommen die Vorstellung einer endzeitlichen Bedrohung  und der Aufruf zum Kampf. Michael Anton (“Publius Decimus Mus”) nannte die Wahl Donald Trumps 2016 die flight 93 election: ein Akt des Widerstands in höchster Not, wie ihn wie die verzweifelten Passagiere des gekaperten Flugzeugs am 11. September 2001 bei Shanksville/Pennsylvania versucht hatten. Zweiflern wird beschieden, “wieviel die Uhr geschlagen hat”. Zwei Eigenschaften sind den Wortführern der Neuen Rechten gemeinsam: Die eine ist die Übertreibung, die andere die Ausschliesslichkeit. Es gibt nur Entweder-Oder, “wir” gegen “sie”, Licht gegen Schatten. Und  ähnlich wie seinerzeit unter strammen Parteikommunisten ist die Lüge als Mittel zum Zweck legitim. Als er darauf hingewiesen wurde, dass die haitianischen Einwanderer in Springfield/Ohio keineswegs die Haustiere der Nachbarn verspeisen, wie er und Trump im Wahlkampf behaupteten, sagte Vance: “Wenn ich Geschichten erfinden muss, damit die amerikanischen Medien dem Leiden des amerikanischen Volks Beachtung schenken, dann tue ich es”.

Drei Strömungen

Amerikas Neue Rechte ist keine Einheitsdoktrin. Ähnlich wie die intellektuellen Vorläufer der faschistischen Bewegungen im Europa der zwanziger Jahre (oder die Neue Linke der 60er) ist sie aus unterschiedlichen Herkünften verästelt. Autorin Field unterscheidet drei grosse Strömungen: “Claremonters”, “Postliberale” und “Nationalkonservative”.

Claremonters: “Claremonters, ”, benannt nach dem in den siebziger Jahren gegründeten Claremont Institute in Südkalifornien.  folgen der konservativen Idee einer wörtlichen Auslegung der amerikanischen Verfassung und gehen von dort aus einen Schritt weiter. Sie unterstellen den Gründervätern, den founders, eine bestimmte, quasi ewig geltende Wertehaltung, der in Kombination mit einer darauf ausgelegten Verfassungsinterpretation erneut zum Recht zu verhelfen sei – die Vereinigten Staaten als geglückte Vereinigung von “Athen” mit “Jerusalem”.

Postliberale:  “Postliberale” orientieren sich an der Unzulänglichkeit eines Liberalismus, der letzten Fragen ausweicht und als turbo-kapitalistischer Markt traditionelle gesellschaftliche Gefüge aufweicht. Unter den Wortführern sind Patrick Deneen (dessen Buch Why Liberalism Failed von Ex-Präsident Obama gepriesen wurde) oder der ehemalige Journalist Shorab Ahmari (Magazin “Compact”). Postliberale wie der Harvard-Professor Adrian Vermeule postulieren ein Amerika als christliche Nation, ausgehend vom katholisch-konservativen Begriff des “Gemeinwohls” (common good). Die amerikanische Verfassung gründe auf der entsprechenden christlichen Wertehaltung, weshalb sie nicht nur “wörtlich” (gemäss konservativem Credo), sondern christlich auszulegen sei. Die Christlichkeit müsse mit Hilfe der Staatsmacht durchgesetzt werden. Der neu erwachte, reaktionäre amerikanische Katholizismus ist hier eine starke Strömung.  Vizepräsident Vance kombinierte seine Unterstützung für Donald Trump 2019 mit der Konversion zum Katholizismus.

NationalkonservativeNational conservatism ist die am deutlichsten strukturierte Strömung.  Kristallisationspunkt sind NatCon-Konferenzen, die in den vergangenen Jahren vom israelisch-amerikanischen Theoretiker Yoram Hazony (The virtue of nationalism)  organisiert wurden. Sie wurden auch international bestückt, zu den Besuchern zählten Delegationen aus Indien, Grossbritannien, Polen, Ungarn und der persische “Kronprinz” Reza Pahlavi. Der National-Konservatismus versteht sich als “grosses Zelt”. Nationalkonservative stehen für einen “einheitlichen, relativ homogenen Nationalstaats, der von innen und aussen unter Druck steht und sich verteidigen muss”, wie Autorin Field schreibt. Sie lehnen die Erweiterung der individuellen Freiheiten ebenso ab wie die auf dem gleichen Recht aller Staaten beruhende, “multilaterale” Nachkriegsordnung und plädieren für eine Machtpolitik ohne Rücksicht: America First.

Gemeinsam gegen die Moderne

Gemeinsam ist allen Strömungen die Zurückweisung der liberalen, “bürgerlichen”, auf die Ideen der Aufklärung zurückgehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung – der  “Moderne”, wie es heisst. Die Moderne toleriert – anhing goes – das Nebeneinander individueller Andersartigkeiten und stellt soziale Gewissheiten in Frage. “Relativismus” und “Skeptizismus” dieser Art seien für die Neue Rechte unerträglich, schreibt Field. Das sei der gemeinsame Nenner.

Kulturkampf auf dem langen Marsch

Mit Donald Trump hat sich die Neue Rechte aus dem akademischen Gehege befreit. Mehrere Wortführer erhielten Posten in den Trump-Administrationen. Ähnlich wie die Neue Linke der 1960er Jahre traten sie unter Trump zum “langen Marsch durch die Institutionen” an – aber mit umgekehrtem Ergebnis. Wo die “68er” ihre Radikalität abschliffen und sich und den Rest der Gesellschaft sozialdemokratisierten, erreichten die Vordenker auf der anderen Seite ein halbes Jahrhundert später eine Radikalisierung und Extremisierung der Politik rechts von der Demokratischen Partei. Als Treiber dieser Entwicklung identifiziert Autorin Field den Kulturkampf an Schulen und Universitäten, aber auch die Legende von der gestohlenen Präsidentschaftswahl 2016, welche sie als modernes Pendant zur  lost-cause-Romantik der Bürgerkriegsverlierer im 19. Jahrhundert versteht.  Angriffspunkte sind “woke” Lehrpläne, welche überlieferte historische  Anschauungen namentlich über Rasse, und Geschlecht in Frage stellen und der Einsatz der Justiz zu ihrer Durchsetzung. Der Zugang zu gleichgesinnten Massenmedien ist dabei ein wesentlicher Faktor. Ein Beispiel: Am 1. September 2020 attackiert der Dokumentarfilmer Christopher Rufo die in Unternehmungen und schulischen Institutionen zu DEI-Programmen (diversity, equity, inclusion)  geronnene critical race theory als “gängige Ideologie der Bundesbürokratie”. Am nächsten Tag ruft ihn der Stabschef des Weissen Hauses an und teilt mit, er habe Befehl, “zu handeln”. Rufo wird in Washington eingeflogen, um beim Entwurf eines Präsidialdekrets zu helfen, und am 22. September untersagt Präsident Trump jegliche Schulung von “spalterischen Konzepten” in allen staatlichen Institutionen und ihren Auftragnehmern. Die vage Formulierung erlaubt alles – von der Zurückbindung “woker” Auswüchse bis zur Unterbindung jeglicher Infragestellung der gesellschaftlichen Rassen- oder Geschlechterhierarchien.

Das Materielle klein, die “Werte” gross geschrieben

Die  Öffnung der Schere zwischen arm und reich, der Schwund sicherer Arbeitsplätze, die wachsenden Kosten der “höheren” Bildung, die zunehmende Konzentration des gesellschaftlichen Wohlstands auf eine globalisierte Oberschicht plausibilisieren die Vorstellung einer liberalocracy oder Davosie (nach den WEF-Treffen einer ausgewählten Elite in Davos), welche den Kleinen Mann im longhouse gefangen hält. Diese materiellen Bedingungen des Denkens der Neuen Rechten werden in Fields Darstellung nur gestreift, wahrscheinlich nicht aus Zufall. Die zitierten Autoren (kaum -innen) lassen das Ökonomische links liegen und konzentrieren sich auf die angeblich ewigen, gerne an der Welt der alten Griechen und Römer festgemachten “Werte” (die Autoren des  Journal of American Greatness posierten als Publius Decimus Mus, Plautus, Manlius Capitolinus oder Lucullus).  Gegen das Skeptische und “Zersetzende” der aufklärerischen Weltsicht (hier ist die Analogie zum europäischen Faschismus deutlich) wird das Vaterländische und Heldenhafte der Grossen Männer der nationalen Vergangenheit ins Feld geführt – auch in praktischen Forderungen für die amerikanischen Schulen. Es ist nicht Verschrobenheit und Skurrilität, welche die Trump-Administration zum Entfernen von Ausstellungen oder Hinweisen auf die Sklaverei bewegen oder die Texas A&M Universität die Lektüre von Platon im Philosophiekolleg verbieten lässt.

Nur einer der prominenten Postliberalen hat sich angesichts der realen Wirtschaftspolitik der Trump-Regierung vom Präsidenten und der Republikanischen Partei abgewendet. “Ich lag falsch”, schrieb Shorab Ahmari im August 2023. Die Republikaner würden “nie die Partei der arbeitenden Klasse” werden”. In den “kulturellen” Fragen bleibe er ein Konservativer, erklärte Ahmari, aber in Wirtschaftsfragen schaue er nun eher in Richtung der linken Populisten.

 

Das Buch

Laura K. Field: The Making of the MAGA New Right (Englisch). Princeton University Press, 2025, 406 Seiten. 40 US-Dollar. Als E-Book bei Amazon/Kindle 26.60 US Dollar.

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